Montag, 9. Dezember 2013

Unter die Haut

Mein Urlaub hat ein jähes Ende gefunden. Einen Tag früher als geplant springe ich ein, um einen kranken Kollegen zu vertreten. Nach zwei Wochen Erholung darf ich wieder arbeiten und euch mit neuen Favoriten des Tages versorgen.

Ich warne euch heute, und das ist durchaus ernst gemeint: Diese Geschichte kann euch näher gehen als es euch lieb ist. Wenn ihr euch nicht ekeln mögt und auf eine erfreuliche Geschichte hofft, dann überspringt diese hier bitte! Das ist wirklich nichts für Kinder und niemand ist ein Held, wenn er was ekelhaftes liest und dann im Gegenzug anschließend schlecht träumt. Für mittelmäßig Abgezockte gilt: Alles normalgedruckte lesen, hellgraue Passagen auslassen. 

Also: Schluss mit Urlaub und auf in den Nachtdienst. Sonntags ist meistens vergleichsweise wenig zu tun. Die Partywütigen haben am Wochenende ihr Pulver verschossen, die Streitsuchenden sind des Kampfes müde. Es könnte eine ruhige Nacht werden.

Zu Dienstbeginn haben wir sofort einen Auftrag. In einem Mehrfamilienhaus tropft bei der Melderin das Wasser durch die Decke und der Nachbar von oben macht ihr die Tür nicht auf. Klar, das ist auf den ersten Blick nichts für die Polizei, wir werden weder die Pfütze wegfeudeln noch den Rohrbruch flicken, aber wer weiß: vielleicht läuft ja in der Wohnung über ihr auch gerade das Aquarium aus ...oder Schlimmeres…
Denn wenn man eins lernt bei der Polizei, dann, in Szenarien zu denken. Meistens in solchen, die übel enden. Der Mann oben ist sicher vor drei Tagen mit dem laufenden Fön in die Wanne gestiegen. Alles andere wäre für uns schließlich viel zu einfach.

Im Haus angekommen halte ich so ziemlich alles für realistisch. Das Treppengeländer des Altbaus hat die besten Jahre hinter sich und hier und da sind schon Streben herausgebrochen. Die Holztreppe, die uns (wie sollte es anders sein) ins Dachgeschoss führt, ist ziemlich ausgelatscht und es gibt auf den halben Etagen Toiletten, weil noch nicht jede Wohnung eine eigene hat. Verrückt, wie manche Leute so wohnen. 
Im Dachgeschoss gibt es drei Türen, von denen ich eine schon kenne. Der Herr hier war schon häufiger mein Kunde, und dem Grasgeruch nach zu urteilen wird er es auch weiter bleiben. Die mittlere Tür ist mir bisher verschlossen geblieben und die linke ist die, hinter der das Wasser zu laufen scheint.
Gemeinsam mit einer Hand voll Feuerwehrmänner klingeln und klopfen wir, bis uns schließlich nichts anderes übrig bleibt als die Wohnung selbst zu öffnen. „Zwangsweise“ heißt das bei der Polizei und bedeutet nicht, dass wir wie einst Horst Schimanski mit erhobener Waffe durch die Tür springen. Zumindest nicht hier… Hier bohrt ein Feuerwehrmann fein säuberlich den Schließzylinder auf und setzt anschließend einen neuen ein. Das hätte es bei Schimmi nicht gegeben.

Die Feuerwehrmänner überlassen mir den Vortritt und ich gehe zügig mit dem Pfefferspray in der linken und der Taschenlampe in der rechten Hand in die Diele der Wohnung. "Hallo?! Die Polizei ist da! Herr _____ ?" 

Noch bevor meine Nase mich warnen kann (daran dürfte die Konzentration auf Augen und Ohren schuld sein) liegt mir der Wohnungsinhaber zu Füßen. Er ist tot.Im selben Moment fällt meiner Nase schlagartig wieder ein, was sie am besten kann und sie sagt Bescheid, wie tot der Mann ist. Heijeijei, erstmal raus hier, atmen!Die versammelten Kollegen von Feuerwehr und Rettungsdienst verziehen sich eine halbe Etage tiefer an ein offenes Fenster. Mein inneres Auge steckt mir quasi den erhobenem Mittelfinger in den Hals und fährt die Diaschau ab, die es sich oben gemerkt hat.


Klick, Bild 1: Eine männliche Leiche in Bauchlage, spärlich bekleidet, sämtliche Haut tiefschwarz verfärbt. Meine Güte. So was hatte ich auch noch nie. Klick, Bild 2: Haut? Wohl eher eine geleeartige schwarze Masse, um die die Natur eine Art schwarzes Butterbrotpapier gewickelt zu haben scheint; wobei sie nicht so ordentlich vorgegangen ist, an manchen Stellen wirft das Papier gewaltige Blasen.

Ich sammle mich kurz und atme am Fenster tief durch; erster Galgenhumor setzt ein. Wo sind eigentlich die Nachbarn, die waren bis eben doch so neugierig?! Der Geruch hat sie zurück in ihre Wohnungen getrieben. Besser so, bevor sie heute Nacht die selben Dias sehen wie ich gerade.
Wir fachsimpeln mit den Feuerwehrleuten, ob man nicht besser mit Atemschutz in die Wohnung gehen sollte, damit sich niemand übergeben muss. Die Entscheidung fällt dagegen aus.

Mein Kollege hat sich den Kragen seines Pullovers über Mund und Nase gezogen und ist vorsichtig über die Leiche gestiegen um erstens die Wohnung zu lüften und zweitens einen Ausweis zu suchen. Ob der überhaupt noch hilfreich ist? 

Wer von uns dreht denn Leichnam um und stellt Vergleiche an? Und ganz ehrlich: selbst wenn man wollte, wirklich erkennen kann man den Verstorbenen dann längst noch nicht… der Körper hat schon begonnen, in den Teppich zu fließen… 
Ich habe kurz meine Lungen gelüftet und wage mit einem Feuerwehrmann einen zweiten Anlauf. In der Diele überlegen wir, was wohl passiert, wenn man das, was von der Haut übrig ist, berührt. Der Gedanke verschafft mir einen solchen Würgereiz, dass ich fluchtartig wieder ins Treppenhaus verschwinde. Zum Glück muss ich es nicht ausprobieren. 

Mein absoluter Respekt gilt einmal mehr all den Menschen, die sich für Berufe entscheiden, in denen sie täglich mit Tod und Verwesung umgehen. Ich könnte das nicht!
Wir sehen ja schon viel in unserem Beruf. Wir räumen komplett zerfledderte Rehe von Bundesstraßen, kommen den ungepflegtesten Obdachlosen im Gewahrsam deutlich näher als uns lieb ist, sammeln Körperteile von Bahnstrecken, lassen uns von verlorengegangenen Omis die Rückbank vollpieseln und sind auch sonst sicher vor wenig fies, aber manche Gerüche sind schon eine besondere Herausforderung.
Aber am Ende gibt es doch meistens jemanden, der das Gröbste wegputzt oder an die Stellen fasst, wo die Sonne nicht hin scheint.
Danke euch, die ihr mir das abnehmt und dabei meistens sogar gut gelaunt seid, ihr Reinigungskräfte, Feuerwehrleute und (in diesem Fall) Bestatter!

Und unser persönlicher „Clou“ an der ganzen Sache ist zum guten Schluss, dass das Wasser in der Wohnung unserer Anruferin überhaupt nicht aus der Wohnung des Verstorbenen kam. Hätten wir uns vom Nachbarn früher erklären lassen, dass irgendwo in der Wand ein Rohr defekt war, hätten nicht wir sondern irgendwann andere Kollegen aus anderen Gründen die Wohnung geöffnet. 

Der Zufall wollte, dass wir die Leiche finden. Wer weiß, wofür es gut war…

Zurück auf der Wache duscht der Kollege und zieht sich frische Klamotten an. Ich selbst finde, dass es bis zum Schichtende so gehen muss und der Geruch im Laufe der Nacht noch verfliegen wird. Außerdem weiß man ja nie, wie es beim nächsten Einsatz riecht…

… in unserem Fall übrigens auch nicht viel besser, aber das erspare ich euch…

Kommentare:

  1. Liebe Frau Polizistin (ich habe gehört, dass das eine korrekte Anrede sei...),

    natürlich bin ich bestürzt über Ihre jüngste Geschichte, aber fast ebenso bestürzt bin ich über die geringe Zahl der Kommentare zu Ihrem Blog. Ich weiß nicht, ob die Kommentarfunktion ein gutes Maß für die Leser-"Beteiligung" ist und inwieweit Sie das überhaupt wünschen.

    Aber ich denke, es gehört sich, dass Ihnen ab und zu mal auch auf diesem Wege gesagt wird, dass Sie tatsächlich gelesen werden. Ich möchte Ihnen (als Literaturwissenschaftler) sagen, dass Sie wirklich sehr gut schreiben und höchst interessante Themen haben. So sicher es ist, dass Ihr Leben garantiert nicht langweilig ist, so sicher ist es auch, dass sich keiner Ihrer Leser langweilt. Darüberhinaus wird deutlich, dass Sie einen sehr harten Job ausüben, und damit meine ich nicht einmal solche Fälle wie dieses aktuelle Kaliber, sondern die nervigsten Kleinigkeiten, Verdrießlichkeiten und merkwürdigen Zeitgenossen, von denen Sie nachtnächtlich behelligt werden (wie oft habe ich bei Ihnen nicht Sätze wie "Es könnte eine ruhige Nacht werden" gelesen, die dann meistens am Konjunktiv scheitern), und mit denen Sie immer wieder erstaunlich gelassen umgehen.

    Ich könnte jetzt davon anfangen, dass es sogar eine Verpflichtung für jeden geben könnte, außergewöhnliche Erlebnisse aufzuschreiben etc., aber ich belasse es vorerst dabei, mich dafür zu bedanken, dass Sie es einfach tun.

    Beste Grüße Ihres
    S. Schmid

    E-Mail: epiphaenomene@gmail.com

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  2. Herr Schmidt!
    Vielen Dank für die freundliche Rückmeldung. Ich freue mich sehr über Leserbeteiligung und finde manchmal auch ein bisschen schade dass es so wenige Kommentare gibt.

    Ob ich wirklich einen harten Job mache weiß ich gar nicht so genau. Er stellt seine ganz eigenen Anforderungen, das ist unbestritten, aber genau die machen ihn ja auch so spannend.

    Schön, dass Ihnen meine Geschichten gefallen, ich hoffe auch dass noch viele dazu kommen. An mir soll's nicht scheitern... Warten wir mal ab...

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